Das Jahrhundert der Städte: Kristallisationskeime für Innovationen

Städte, Kulminationspunkte menschlichen Lebens: Auf klar umgrenztem Raum tummeln sich Bewohner aller Generationen, finden Wohnraum, Bildungsstätten, Arbeitsplätze, Geschäfte, Freizeitangebote. Und sie nutzen Mobilität, um die Möglichkeiten auszuschöpfen und ihren Alltag auszugestalten. So beschreibt Dr. Frank Ruff, Leiter der Abteilung Gesellschaft und Technik bei der Daimler AG, die Stadttypologie der Zukunft, die sein Forschungsteam entwickelt hat, um das urbane Leben besser zu verstehen und Empfehlungen für Produkte von morgen geben zu können.

Mobilität ist das Bindemittel sozialer und wirtschaftlicher Aktivitäten. Verschiedene Verkehrsträger gibt es dafür, solche mit individueller Privatheit und solche des öffentlichen Nahverkehrs. Und alle und alles teilt sich miteinander die Stadt, sodass nahezu jedes Bedürfnis möglichst reibungslos erfüllt werden kann – „Shared Space“ nennen das Fachleute, wenn all dies sogar auf einem Verkehrsweg gemeinsam erfolgt.

Es gibt viele verschiedene Städte, beispielsweise große und kleine, volle und leere, enge und weite, moderne und traditionsreiche. Die Zahl der Charakterisierungen inklusive Kombinationsmöglichkeiten ist nahezu endlos. Doch allen innewohnend ist auch der Aspekt, wie Lebensqualität dargestellt wird – wichtig für die Entfaltung des Menschen in seiner Umwelt und zentral für die Zukunftsfähigkeit des Gesamtsystems. Wenn man nun noch den Betrachtungshorizont um die Prognose erweitert, dass die Zahl der Menschen, die in Städten wohnen, weiterhin stark zunehmen wird, dann wird die Bedeutung des Gesamtthemas noch deutlicher.

Immer mehr Menschen werden im Laufe des 21. Jahrhunderts in immer größere Städte ziehen – so lassen sich die Vorhersagen zusammenfassen. Bis zum Jahr 2025 wird die weltweite Stadtbevölkerung von heute 3,5 Milliarden Menschen auf voraussichtlich 4,5 Milliarden zunehmen, während die Landbevölkerung lediglich von 3,4 Milliarden auf 3,5 Milliarden wächst. Die Vereinten Nationen schätzen, dass statt heute 50 Prozent der Menschheit im Jahr 2050 rund 75 Prozent aller Menschen in Städten leben werden.

In Städten verdichten sich die großen Zukunftsherausforderungen: Klimaveränderung, Energie- und Rohstoffversorgung mit vermutlicher Knappheit in einigen Weltgegenden, wirtschaftliche Entwicklung, Lebensqualität und soziales Miteinander. Städte sind Kristallisationskeime für Innovationen. Auch die Daimler-Zukunftsforschung beschäftigt sich intensiv mit dem Wandel von Städten. Dabei geht es zunächst darum, in einer Zeit der voranschreitenden Urbanisierung die Städte von heute zu verstehen, um eine Perspektive für morgen zu gewinnen. Und natürlich geht es bei dieser Betrachtung immer wieder um Mobilität. Schließlich ist Daimler schon heute ein umfassender Mobilitätsanbieter. Ein Ergebnis der stadtorientierten Zukunftsforschung ist unter anderem eine Stadttypologie für das 21. Jahrhundert, die Vielfalt und Wandel von Lebensformen und Mobilität beschreibt. „Vor uns liegt das Jahrhundert der Städte“, sagt Ruff. „Deshalb haben wir acht Typen entwickelt, um Städte miteinander vergleichen zu können und Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser zu verstehen.“

Die einzelnen Typen haben es in sich, was das künftige Leben von Menschen in Städten angeht: Da gibt es etwa den Typ „Compact Prosperous Variety“ – wohlhabende, kreative Städte auf vergleichsweise geringem Raum und zugleich meist mit großer Tradition, wie etwa New York, London, Berlin oder Barcelona. Oder der Typ „Flourishing Suburbia“, florierende Großraumgebiete wie etwa die San Francisco Bay Area, Los Angeles oder auch Ballungsgebiete wie Stuttgart und Umgebung. Der Typ „Urban Aspirants“ umfasst Städte, die schon jetzt einen großen Boom erleben und der in den kommenden Jahren auch kaum nachlassen wird; der Typ ist vor allem in Ostasien zu finden, als Beispiele können Peking oder Shanghai gelten. Interessant auch der Typ „Striving Modernity“ – aufstrebende Städte, die einen deutlichen Wandel durchlaufen von eher traditionsreichen Strukturen hin zu starker traditioneller Modernität, wie etwa Delhi, Mexiko-Stadt, São Paulo, Jakarta oder Moskau.

„Das Ziel ist, Städte als Lebens- und Bewegungsraum noch besser zu verstehen und Schlussfolgerungen für Fahrzeuge und Dienstleistungen von morgen zu ziehen“, erläutert Ruff. „Die vertiefte Analyse der Stadttypen hilft dabei, indem sie vereinende und trennende Muster verdeutlicht und damit den Blick auf individuelle Mobilitätsmuster eröffnet.“ Wie jede Typologie basiert auch die Stadttypologie auf einem Satz relevanter Merkmale oder Dimensionen, auf denen die einzelnen Typen definiert werden. Die Untersuchungen der Daimler-Forscher ergaben sechs Dimensionen, die grundlegende Unterscheidungsmerkmale und Kategorien liefern. „Auf Basis dieser Dimensionen ist es möglich, Städte über regionale und nationale Merkmale hinaus vergleichbar zu machen“, führt Ruff weiter aus. „Zudem liefern sie Anhaltspunkte zu den zukünftigen Ausprägungen urbaner Mobilität – und damit schließlich auch Hinweise auf mögliche Handlungsfelder.“

Fotonachweis: Daimler AG

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