Tiefgreifender Wandel der Mobilität – Schnittstellen mit der Baubranche

„Der Wohnungsbau und die Wohnungsknappheit ist die größte soziale Frage seit der industriellen Revolution“, betonte der Bayerische Staatsminister des Innern auf dem Bayerischen Immobilientag 2017 des BFW Bayern im Stadion Nürnberg. „Wer die Schraube mit den energetischen Standards immer weiter anzieht, darf sich nicht wundern, wenn sich ein Neubau für Bauherren irgendwann nicht mehr rentiert. Wir müssen Bauherren unterstützen und nicht behindern“, so der Ministerpräsident, der über die immobilienwirtschaftlichen Ziele der Bayerischen Staatsregierung referierte.

Der Themenschwerpunkt Elektromobilität zog zirka 140 Gäste nach Nürnberg ins Stadion. Andreas Eisele, Präsident des BFW Bayern, eröffnete den Immobilientag und betonte die wesentliche Rolle der Mobilität, die sich aktuell in einem tiefgreifenden Wandel befindet. „Die steigende Vereinzelung und die Veränderung traditioneller Lebensmodelle verlangen ein Umdenken in der Gesellschaft“, so Eisele. „Denn die Herausforderung bestehe darin, die Immobilie, die sich durch ihre lange Beständigkeit auszeichnet, in diesen Wandel mit einzubeziehen. Die Immobilienwirtschaft, die Infrastruktur und die Mobilität haben viele Schnittpunkte, die es offenzulegen gilt“, hob Eisele hervor.

Die Wirtschaftsstruktur Nürnbergs besticht durch ein breit gefächertes Spektrum an Branchen, die dem Standort auch in Zukunft eine starke Wirtschaftskraft und hohe Lebensqualität garantiert. Das Wachstum birgt aber auch Risiken – der Zuzug muss bewältigt werden. Daher rief Präsident Eisele die Politik dazu auf, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um endlich ausreichend günstigen Wohnraum bauen zu können: „Die Steine soll man nicht in den Weg legen, sondern man soll sie nehmen, um Gebäude schneller entstehen zu lassen.“ Der Staat ist hier vor allem ein Kostentreiber, weil durch Erhöhung der Auflagen die Kosten von Neubauvorhaben seit dem Jahr 2000 um 40 Prozent gestiegen sind.

Diese Ansicht teilt auch Innenminister Herrmann. Zusammen mit der CSU setzt er sich auf Bundesebene gegen eine Verschärfung der Vorschriften zur Energieeinsparung im Wohnungsneubau ein. Den geplanten Gesetzesentwurf des Bundes bezeichnete er als „Trauerspiel“. „Durch die laufende Erhöhung energetischer Standards wird das Bauen immer weiter verteuert. Diese Entwicklung gefährdet vor allem die Errichtung von günstigem Wohnraum, der dringend benötigt wird“. Die degressiven Abschreibungen für Immobilien müssten zudem dringend angepasst werden, so Herrmann: „Auch bei den steuerlichen Rahmenbedingungen für Bauherren lasse ich nicht locker. Wir wollen das Bauen von angemessenem Wohnraum dauerhaft und flächendeckend unterstützen“. Steuerliche Anreize müssen wieder reizvoller werden, mit dem Ziel der Entstehung von sozialem Wohnungsbau in den bayerischen Großstädten. Herrmann nannte vier Punkte als essentiell, damit neue Flächen in flächenbegrenzten Ballungsräumen entstehen: die Aktivierung vorhandenen Baulandes, die Beseitigung von Brachflächen, die Nachverdichtung und die Erschließung zusätzlicher Flächen.

In Bayern erlebt der Wohnungsbau mit dem im Jahr 2016 eingeführten Wohnungspakt einen deutlichen Aufschwung: Mehr als 74.000 Baufreigaben gab es im letzten Jahr – so viele wie seit knapp 20 Jahren nicht mehr. Laut Bauminister Herrmann müsse jedoch noch mehr gebaut werden, um den Bedarf an günstigem Wohnraum, besonders in den Metropolregionen, zu decken. Sein Appell: „Bauen Sie! Damit Bayern ein Land bleibt, in dem man gut wohnen und leben kann.“

Nach den Worten des Staatsministers diskutierten Dr. Carl Friedrich Eckhardt, Leiter des Kompetenzzentrums Urbane Mobilität der BWM Group und Andreas Mäder, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Großraum Nürnberg GmbH, über die Frage: Auto oder ÖPNV – was bewegt uns zukünftig in den Großstädten. Die Referenten waren sich einig, dass das Auto auch in Zukunft das bevorzugte Verkehrsmittel bleibt. Auch wenn Eckhardt versicherte, dass Car-Sharing und autonomes Fahren die dominierende Rolle einnehmen werde. Der BMW Konzern werde sich deswegen von einem industriellen Automobilkonzern mit bayerischen Wurzeln zu einer dezentralen Dienstleistungsgesellschaft entwickeln müssen, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein, so der Fachmann. Weil es deutlich komfortabler ist, weite Strecken im eigenen autonomen Fahrzeug zurückzulegen, nannte Eckhardt vor allem Pendler aus dem suburbanen Raum als primäre Zielgruppe für autonome KFZ. „Die Entwicklung des autonomen Fahrens könnte so gleichzeitig auch die Landflucht aufhalten. Bereits heute schon sind Wohngebiete im Speckgürtel einer Großstadt infrastrukturell gegenüber der Innenstädte benachteiligt: Sei es in der Breitbandversorgung, der Anbindung an den ÖPNV oder die Versorgung im Einzelhandel. Die Immobilienwirtschaft und Politik sollten darauf achten, neuen Wohnraum in der Metropolregion zu schaffen und diesen gleichzeitig verkehrstechnisch aufzurüsten“, so die Meinung von Eckhardt. Laut Mäder sind bereits erste Fortschritte zu verzeichnen: „Close Community“. Dies meint die bessere Verbindung zwischen Automobilbranche, Car-Sharing und ÖPNV.

Im Anschluss referierte Prof. Dr. Rolf Moeckel, Professor für Modellierung und Nachhaltige Mobilität an der TUM, über Flächennutzungsmodelle und ihre Auswirkungen auf Infrastrukturinvestitionen oder Planungsmaßnahmen. Flächennutzungsmodelle beeinflussen die Bodenpreise, die wiederum die Wahl des Standorts einschränken. Moeckel erklärte das Flächennutzungsmodell SILO (Simple Integrated Land-Use Orchestrator), an welchem er maßgeblich beteiligt war. In diesem Zuge wurden die Interdependenzen zwischen Einwohnern, Immobilienentwicklung, Demographischen Strömungen und dem Zu-/Wegzug in die Innenstädte untersucht. Aus den Interdependenzen folge, dass es die Menschen dort hinzieht, wo es genug Arbeit gibt. „Daher muss vorausschauend gebaut werden, wenn Wachstum prognostiziert wird, um Wohnungsknappheit und Verkehrsprobleme zu verhindern“, erklärte Moeckel. Abschließend nannte er Trends im Berufsleben, die auch für die Immobilienwirtschaft interessant sein könnten: Zunehmende Nutzung von Car-Sharing und Home Office. „Außerdem sei es essentiell, bereits jetzt genügend Verkehrswege und Stellplätze für das autonome Fahren zu schaffen“, so die Aussage des Professors.

Bei der Diskussionsrunde tauschten die Referenten aus der Politik Michael Frieser (MdB, Demografiebeauftragter der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag), Carsten Träger (MdB, Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit), Jürgen Mistol (MdL, Bündnis 90/Grüne) und Sebastian Körber (Architekt, FDP, ehemaliges MdB) ihre politischen Meinungen zu den Themen Wohnen, Demographie, Mobilität und Stadt-Land Gegensätze aus. Besonders zum Thema Genehmigungsverfahren bei Bauvorhaben und wie diese beschleunigt werden können, kam es unter den Beteiligten zu einer hitzigen Debatte.

Den Abend ließen die Teilnehmer bei einem gemeinsamen Get Together ausklingen und nutzten die Chance einer Führung über das ehemalige Reichsparteitagsgelände oder durch das Nürnberger Frankenstadion.

Fotonachweis: BFW Bayern

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